
Im Bergwerk der Menschheitsgeschichte, der Menschwerdung, da sind Paul Celans Gedichte anzusiedeln. Hier ein Schäumen, dort ein Wissen um die Essenzen von prägenden Krönungen mit dem Leid. Die Schatten in Mohn und Gedächtnis sind wie Pfeil und Bogen, auf eine Zukunft, ein Fortkommen und ein Verschweigen orientiert. Das Surreale aufgefangen in Kausalzusammenhängen befruchtet immer wieder aufs Neue. Die Schönheit dieser Verse liegt in der nach Abgründen tauchenden kristallinen Verstiegenheit, an der sich geradezu sprachliche Wunder aufbäumen. Die Tragweite dieser Poesie ist enorm und birgt überdiese eine ganz eigene Poetik vom Verschwinden und Erzeugen, vom Sehen, Ahnen und Vergeben. Sie setzt zuweilen auf rohe Äste um dann wieder mit Kirschblüten paradigmatisch abzuholen. Wieder und wieder wurde die außerordentliche poetische Kraft dieses Meisters betont und ich will dies an dieser Stelle wiederholen. Für mich ist Paul Celan einer der größten, auch und gerade wegen seiner Unausdeutbarkeit. Auch wirkliche Schönheit in ihrer absoluten Vollendung bleibt nicht ausdeutbar. Der Dichter geht über Treppen aus weißem Marmor, in dem sich dem, der zu Schauen bereit ist, wunderbare Skulpturen abheben, die die Lektüre zu begleiten scheinen. Gleichsam, einem Naturgesetz folgend werden sie dann wieder zerbrochen, denn das Leben ist grausam auch in seiner Schönheit. Nichts hat Bestand, aber alles ist Weide, über die zu schreiten, unumstößliche Lebensgesetze vorgeben, bis in den Tod, die stille große Gestalt in Celans Werk, die immer mehr Raum greift, verschlingt.
Paul Celans Lyrik ist geheimnisvoll, rätselhaft, unergründlich, dabei atemberaubend. Diese Koexistenz macht sie aus und macht sie faszinierend und gibt ihr Überzeitlichkeit. Auch in den kommenden Generationen wird es Menschen geben, die sich daran begeistern werden.
Mohn und Gedächtnis. Gedichte. Paul Celan. Deutsche Verlags-Anstalt