
Wasserfälle mit rotem Wasser, dass sind die Gedichte von Octavio Paz. Das Wasser blutet, verschwindet, entsteht neu, ist Saum und Zeit an der Grenze zum Unerzählbaren: „// Und wie die Luft selber zwischen den Blättern / sich verlieren im Laubwerk aus Dunst / und wie die Luft nur Lippen sein ohne Leib, / Leib ohne Gewicht, Kraft ohne Ufer!“.
Nie gibt es auch nur das kleinste Zögern, angesichts der Fragwürdigkeit der Welt. Alles ist bestimmt und hat seinen Platz in der Halterung eines sonnengefluteten und windgepeitschten Echos der Erde, die sich vor allem die Vögel erobern. Der 1998 verstorbene Mexikaner Octavio Paz wählte lange, sehr lange Formen für seine freien Versen neben kurzen, prägnanten Aussagen, die wirken, als hätte Gott sie gerade erst erschaffen: „/ Das Schweigen und die Einsamkeit, / wie zwei kleine Tiere, geleitet vom Mond, / trinken an diesen Augen, / trinken an diesen Wassern. //“ oder „Am Mittag klaffen die Steine wie Früchte auf /“.
Vielfach gelangt der Dichter in seinen Texten über harte Wege erst in die Weiden des Weiten. Sie sind grün, schön und schonungslos. Die Erde scheint von den geheimnisvollen Bändern der Sprache durchdrungen, die sie gleichsam webt und zusammenhält. Die Leser und Leserinnen dieser Gedichte gewinnen daran einen faszinierenden Anteil. Es sind Höhenflüge, die den Boden, die Erde, den Schaft der Wirklichkeit atmen: „/ Das Licht stürzt sich herab, / es erwachen die Säulen / und tanzen, reglos //“.
Die Gewänder seiner Sprache wehen atemberaubend, bereichern unglaublich. Das ist Dichtung vom feinsten Festen in ihrer Gestalt. Glitzernde Steine, die uns in die Hände gegeben werden, die wir festhalten und sie zu bewahren, wir uns nicht entziehen können. Die Lyrik ist mitreißend und weckt entlegene, schlummernde Stellen im Innersten, die während der Lektüre umso kraftvoller hervortreten. Nur die großen Meister unter den Dichtern und Dichterinnen vermögen das mit ihrem Werk zu erreichen.
Jedes Wort in dieser Lyrik scheint Teil des großen Mosaiks einer Lebensmelodie, die sich einprägt, je intensiver man die kraftvollen Verse liest, die wie blühender Schnee in den Raum sinken und sich in unserer Phantasie neu gebären: „/Der Hahn zerfetzt die Nacht /“. Dabei sind die Gedichte erdnahe Wegweiser auch durch das Blau der Transzendenz, die schützt und bewahrt, den Flug der Vögel oder das Zerbrechen der Steine, die Weisheit des Meeres, die „blutrünstige Sonne“. Dann wieder wird sich an das Du gewandt. Die Gefährtin? Es scheint, als diene es dem Teil einer Analyse der Wahrhaftigkeit der eigenen Existenz. Schön und unmittelbar zu lesen: „// Dein Körper ist die Spur deines Körpers“.
Wer die Gedichte von Octavio Paz liest, gerät in einen Zustand poetischer Trance, die sich auf das eigene Leben überträgt. Zurecht hat man es hier mit einem Literaturnobelpreisträger zu tun, ohne Frage.
Der zweisprachige Band wurde von Fritz Vogelsang aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt, der der Ausgabe auch ein umfängliches und beeindruckendes Nachwort gegönnt hat.
Gedichte. Octavio Paz, Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1977