
Kerstin Fischer. Bleistift 2026

Der frühe Herbstmorgen, wie ein Meer, das im Dunkeln glüht.
Die Lämmer sind noch in den Weiden.
Mein Traum, eine Reise nach nirgendwo.
Die verbleibenden Stunden tragen Minuten, die der Tod durchzieht.
Eine weiße Murmel rollt über den Weg und sprengt den Schatten seiner Ankunft.
Wir reden, wir gehen, wir bleiben – nicht.
Das Kreuz steht am Hang und fällt.
Ich ordne die blühenden Zweige der Auferstehung.
Meine Mutter wartet am Tor und schweigt mit den Erdenblinden.
Zuversicht, meine Bewegung gen Jenseits.
Die Sprache taub, vor dem Licht der Welt.
Allmählich steigt Morgenröte in das Gesicht des Himmels.
Die Schwäne fliehen über die Teiche.
Der Tag beginnt seine zedernweiche Schrift
Die Haut des Morgens fließt in die Reste der Nacht.
Du warst mir nah, in dem Gebirge einer Sekunde,
als Bernstein aus dem Himmel fiel.
Der Herbst taucht den Friedhof in einen gelben Schimmer,
am Rande des Uferlosen.
Ein Kelch, der vorüberzieht inmitten der ahnenden Gräberpassanten.
In den Windungen der Hoffnung Regen,
an diesem ersten Tag im November, auf den der Nachtwind wartet
wie eine Amme im Rausch.
Das Dunkel verbirgt sich in den niedergegangenen Gebeinen.
Ich atme es ein. Ich atme es aus, an der Kreuzung zum Silber der Seelen.
Die Kälte sucht vergebens die Lichter der Kerzen zu löschen.
Kleines Licht, kleine Flamme, große Ode.
Eine Frau in Schwarz, die nach der Amsel sucht,
in der Höhle des Herrn.
Wir legen Kränze nieder, an der Macht des unbekannten Soldaten
und gehen in den Frieden, dem Turmbau zu Babel zum Trotz.
Die Ernte scheitert in diesem Jahr an dem welken Wissen der Sonnenblumen.
Einmal mehr Tod. Einmal mehr Herbst.
Einmal mehr Zugluft aus der Ewigkeit.
Kerstin Fischer
Die Vögel, die in silberne Freiheit fliegen
sind mein Gesang.
Sie fliegen durch den Schneefall über herben Ufern,
in das Schweigen der Sonne.
Ich bin heute schön für die Prinzen blauer Himmel
und setze mich zu den Wörtern.
Die Macht des Rotkehlchens am Abend,
die durch meine schreibenden Finger gleitet,
im Warten auf den Tau des Traumes
Muscheln, die im Sand weiden.
Rosa wie mein Gedächtnis.
Ich laufe in gläsernen Spuren, die Herbst mögen
sommerwärts die Schwalben in ihrem glatten Flug.
Nach einer längeren Pause, nehme ich nun wieder die Arbeit an meinem Blog auf. In erster Linie werde ich hier nun eigene Gedichte veröffentlichen. Die Lyrik wird mich wieder beschäftigen, im warmen Sterben des Sommers, in der Wintermethode des Herbstes im Sinne von Vergänglichkeit und vielleicht dann auch noch im Winter selbst. Lyrische Monate stehen an.

Im Bergwerk der Menschheitsgeschichte, der Menschwerdung, da sind Paul Celans Gedichte anzusiedeln. Hier ein Schäumen, dort ein Wissen um die Essenzen von prägenden Krönungen mit dem Leid. Die Schatten in Mohn und Gedächtnis sind wie Pfeil und Bogen, auf eine Zukunft, ein Fortkommen und ein Verschweigen orientiert. Das Surreale aufgefangen in Kausalzusammenhängen befruchtet immer wieder aufs Neue. Die Schönheit dieser Verse liegt in der nach Abgründen tauchenden kristallinen Verstiegenheit, an der sich geradezu sprachliche Wunder aufbäumen. Die Tragweite dieser Poesie ist enorm und birgt überdiese eine ganz eigene Poetik vom Verschwinden und Erzeugen, vom Sehen, Ahnen und Vergeben. Sie setzt zuweilen auf rohe Äste um dann wieder mit Kirschblüten paradigmatisch abzuholen. Wieder und wieder wurde die außerordentliche poetische Kraft dieses Meisters betont und ich will dies an dieser Stelle wiederholen. Für mich ist Paul Celan einer der größten, auch und gerade wegen seiner Unausdeutbarkeit. Auch wirkliche Schönheit in ihrer absoluten Vollendung bleibt nicht ausdeutbar. Der Dichter geht über Treppen aus weißem Marmor, in dem sich dem, der zu Schauen bereit ist, wunderbare Skulpturen abheben, die die Lektüre zu begleiten scheinen. Gleichsam, einem Naturgesetz folgend werden sie dann wieder zerbrochen, denn das Leben ist grausam auch in seiner Schönheit. Nichts hat Bestand, aber alles ist Weide, über die zu schreiten, unumstößliche Lebensgesetze vorgeben, bis in den Tod, die stille große Gestalt in Celans Werk, die immer mehr Raum greift, verschlingt.
Paul Celans Lyrik ist geheimnisvoll, rätselhaft, unergründlich, dabei atemberaubend. Diese Koexistenz macht sie aus und macht sie faszinierend und gibt ihr Überzeitlichkeit. Auch in den kommenden Generationen wird es Menschen geben, die sich daran begeistern werden.
Mohn und Gedächtnis. Gedichte. Paul Celan. Deutsche Verlags-Anstalt
Die Gedichte von David H. Richards sind minimalistische Flächenbrände in der Ursaat der Transzendenz, flexible Trapeze, die von der Seele rühren und an die Seele rühren. Der Lesegenuss, ein zarter Spaziergang, ohne Affinität zu dem Grotesken, das sich aus dem Überirdischen, von Erdenwarte aus betrachtet, zwangsläufig ergibt. Alles greift natürlich ineinander, verschränkt sich, verneigt sich, bleibt Rätsel und Offenbarung seiner Auflösung.
Vieles mutet dabei in den Texten aphoristisch an, eine aphoristische Poesie mit der man es dann zu tun hat, die naturgemäß eingängig ist. Von Himmel, Hölle, Nacht und Finsternis etwa ist die Rede. Alles wird der Bedrohlichkeit entzogen, wird vergöttert in gewisser Weise hier und da. Nicht selten sind es Reime, die den Inhalten die Schwerkraft in origineller Weise entziehen: „Brennende Sonne, /trennender Blick/ Asche der Wonne/ ist mein Geschick.“
Die Einfachheit in vielen der Gedichte hat ein besonderes Gespür, das anmutig zu nennen wäre und in Komplizenschaft steht mit dem Innehalten der Lesenden.
Diese Gedichte sind etwas zum Ausruhen, mit einer bestechenden Physiognomie, auf die sich lohnt, immer wieder einen zweiten Blick darauf zu verwenden, um den wunderbaren Anspruch zu entdecken, dem sich die Eingänglichkeit nur scheinbar verschließt. Es wird mit einem doppelten Boden gearbeitet und jener ist von exklusivem Charme. Nicht zuletzt deshalb ist „Mosaiko“ äußerst zu empfehlen.
Mosaiko. Gedichte. David H. Richards, edition federleicht, 2020