Der Mann auf dem Bahnhof der Welt

Er saß inmitten der Obdachlosen des Bahnhofs, in einem Rollstuhl, wie ein verletzter Star in seinem Nest. Seine staubige Jacke hatte die Not der Straße aufgesogen. Er war eingeschlafen. Ich blickte in das sanfte, schmutzige Gesicht, dessen Atem regelmäßig und tief dem Leiden einen Rhythmus gab, hinter dem das gesamte Bahnhofsgeschehen, das Stimmengewirr, die schrillen Geräusche, die die Züge bei der Einfahrt machten, versank. Es gab nur noch diesen Mann, vor dem ich wie vor einer Skulptur stand und an der sich die Welt zu brechen schien. Ich war in Eile, aber meine Eile löste sich auf vor diesem Anblick, der heilig zu nennen war. Die Bibel und der Koran gleichermaßen sammelten sich unter den schmutzigen, seidenen Nägeln dieses Mannes, von dem ich nicht mehr wusste, als das, was ich sah. Ein schönes Gesicht mittleren Alters mit osteuropäischen Zügen. Tief war mein Verlangen ihn zu berühren, aber ich wagte es nicht. Um den schwanengleichen Schlaf nicht zu stören.  Zentimeter um Zentimeter vermaß dieser Schlaf die Erde. Was er wohl träumte ? Vielleicht von einem Meer, das ihn von dem Schmutz, der ihn umgab, erlöste.  Gleich würde er erwachen, oder später, nach Stunden. Ich würde warten, das Warten aushalten wie die Geburt einer Verzweiflung, bei der ich Hebamme war. Je mehr sich mein Blick in die geschlossenen Lider senkte, desto mehr formte sich in meinem Geist Demut.  Ich suchte nach einem Zwei-Euro-Stück in der Tasche, fand es und wärmte es in der Hand. Dann plötzlich erwachte der Mann wie durch einen Stoß, dem man ihm versetzt hatte. Ich ging auf ihn zu, ergriff seine Hand und ließ das Geldstück hineingleiten wie in eine warme Quelle. Dankbar und überrascht zugleich sah er mich mit seinen schön geschnittenen, dunkelbraunen Augen an, sah mir Reichtum an, der in Demut gefallen war, wie es mir vorkam.

Dann verließ ich ihn, verließ diesen Moment des Erwachens von mir und ihm.                

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